Arm trotz Arbeit – muss das sein?

Antworten von Mag. Dr. Helmut P. Gaisbauer, Lektor am Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Salzburg, Researcher am Zentrum für Ethik und Armutsforschung

Immer mehr Menschen können von ihrem EInkommen nicht leben. Die menschliche Arbeitskraft ist immer weniger wert – besonders die Arbeit von Frauen. Wenn dann noch eine Ehe geschieden wird oder eine Partnerschaft zerbricht, befinden sich Frauen ganz schnell an der Armutsgrenze.

Warum ist Armut weiblich?
Hat das Funktion und wer profitiert davon?

Zunächst: Armut hat viele Gesichter. So viele Gesichter Armut hat, so vielfältig und unterschiedlich können Ursachen von und Bedingungen für Armut sein. Ebenso wie Erleben und Wirkung von Armut auf die Betroffenen. In jedem Fall ist Armut aber Armut in Gesellschaft und damit auch von der Gesellschaft zumindest mitverantwortet – vor allem im Hinblick auf ihre Linderung und Bekämpfung.

Erklärungsversuche für Armut lasten diese Verantwortung entweder stärker den Betroffenen an (blame-the-victim) oder aber der Gesellschaft (blame-the-system). Viele der von Armut Betroffenen sind tatsächlich weiblich – im Alter von 0 bis 99 (und mehr) Jahren. Von weiblicher Armut zu sprechen kann demnach auch bedeuten, von Kinderarmut oder von Altersarmut zu sprechen bzw. umgekehrt: spricht man von Kinderarmut und Altersarmut ist zu einem bedeutenden Teil auch von weiblicher Armut gesprochen.

Mit Blick auf Frauen im Erwerbsalter wird weibliche Armut durch (Niedrig-)Lohnpolitik, Beschäftigungspolitik (gesellschaftliche Muster der Benachteiligung bei Ausbildung, Einstellung, Entlohnung, Entlassung; schlechte Arbeitsbedingungen; uninteressante Tätigkeit; hoher Zeitdruck durch mehrfache Belastungen), Familienpolitik (Zuschnitt des Sozialsystems auf „vollständige“ Familien und versorgender Rolle des männlichen „Haushaltsvorstandes“), durch „private“ Unterdrückung und Ausbeutung, Kosten für Kinderbetreuung usw. mit verursacht.

Inwieweit weibliche Armut Funktion hat, ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht bestimmbar. Sie hat jedenfalls sichtbare Folgen und untergräbt die Menschenwürde. Weibliche Armut verursacht Leid, Kosten, Krankheit usw. Weibliche Armut zerstört Teilhabe- und Entwicklungschancen.

Wer von Armut profitiert, ist im konkreten Fall zu bestimmen – mit Verantwortung bei Einzelpersonen, Gruppen (Wirtschaftslobby, Wohlhabende) bis hin zur Gesamtgesellschaft und der politischen Ebene.

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