Die Alten werden immer jünger

Die Arbeitslosenquote steigt, der Arbeitsmarkt verändert sich, immer mehr ältere Menschen finden keine Arbeit. Das liegt laut neuesten Erhebungen nicht etwa daran, dass die Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen gestiegen ist – es liegt am demografischen Wandel. Was wiederum heißt, dass der Anteil der Menschen über 50 Jahren an den Arbeitslosen höher ist.

Die Gesellschaft überaltert, das ist nichts Neues. Neu ist, dass älter sein bereits mit 45 beginnt. Also nach heutiger Lebenserwartung in der „Blüte“ des Lebens, in der Lebensmitte. Ziemlich grotesk, oder? Manche Frauen werden in diesem Alter erstmals Mutter, fangen beruflich noch einmal neu an oder haben ihr Karriereziel eben erreicht.

Lifestylemagazine titeln gar, dass Frauen mit 50 (für den Arbeitsmarkt bereits ein Dinosaurier) in der Blüte ihres Lebens stehen und sich so jung fühlen wie nie. Wenn ihnen allerdings die Lebensgrundlage, nämlich eine existenzsicherende Arbeit, entzogen wird, ist es mit der Blüte schnell vorbei. Denn ohne Geld und Aussicht auf einen neuen Job lebt es sich gleich nicht mehr so schön.

Die Definition von Alter in unserer Gesellschaft und der Umgang damit sollte uns  jedenfalls nachdenklich stimmen. Wir sind zwar mit 45 bereits zu alt für den Arbeitsmarkt, nach Anhebung des Frauenpensionsalters müssen wir uns aber noch 20 Jahre auf diesem Arbeitsmarkt halten. Die Frage ist nur: wie?

 

62 zu 1 für Österreich

Die Debatte um die Ungleichverteilung von Vermögen ist in den letzten Tagen wieder sehr aktuell. Angeheizt durch die Ausgaben für die Asylwerber*innen in unserem Land: der Ruf nach einer Vermögenssteuer wird wieder lauter, geht es doch um die Finanzierung der steigenden Kosten bzw. um die Kürzung der Mindestsicherung.

Robert Buggler von der Armutskonferenz hat für die Februar-Ausgabe des Apropos einen Kommentar verfasst, den wir hier in ungekürzter Form wiedergeben. Wir wünschen eine erhellende Lektüre.

Februar-Kommentar für die Salzburger Straßenzeitung Apropos

Robert Buggler

62 Vermögende besitzen weltweit so viel Finanzkapital wie die „untere“ Hälfte der Weltbevölkerung, also an die 3,7 Milliarden Menschen. Die Ungleichheit bei den Vermögen hat, so die Autoren, eine Dimension erreicht, die es so noch nicht gegeben hat. Nicht nur, dass die Super-Reichen noch mehr rafften, sondern auch deshalb, weil die weniger Begüterten Verluste machten. Diese von Oxfam publizierten Zahlen haben zu einer medialen Aufmerksamkeit geführt, die nur durch die Flüchtlingsfrage getoppt wurde. Zu Recht, wie ich meine.

Und Österreich? Von den 62 Superreichen ist ja kein Einheimischer dabei. Also ein Problem der Amerikaner, Russen und Chinesen? Mitnichten. Bei uns ist es nämlich noch viel schlimmer! Einige Rechenbeispiele sollen das verdeutlichen:

Die Nationalbank kommt in ihren Vermögenserhebungen der letzten Jahre auf ein privates Bruttovermögen von ungefähr € 1,340 Billionen (welches man aufgrund des Anstiegs der letzten Jahre wohl noch nach oben korrigieren müsste). Dieser Betrag setzt sich zusammen aus Finanz- und Immobilienvermögen unter Berücksichtigung von Unternehmensbeteiligungen. Die Schätzungen der Nationalbank gehen nun davon aus, dass in Österreich die weniger vermögende Hälfte der Bevölkerung ungefähr 4 % dieses Vermögens besitzt. Das wären dann € 53,6 Milliarden. Eine beachtliche Summe, wenn man sie allerdings auf Köpfe verteilt, schaut es natürlich schon nicht mehr so toll aus. So weit, so gut.

Aber: Wenn man nun dem Reichen-Ranking der Zeitschrift Trend folgt, das jährlich die 100 vermögendsten Österreicher*innen auflistet, dann erscheint die weltweite Vermögensungleichheit nahezu paradiesisch. Denn: Allein der vermögendsten Familie in Österreich (Porsche und Piech) weist der Trend eine Summe von € 65 Milliarden zu, also mehr als lt. Nationalbank die ärmere Hälfte der Österreich*innen besitzt. Die 10 vermögendsten Österreicher*innen vereinen lt. Trend bereits €108 Milliarden auf sich, also bereits das Doppelte der unteren Hälfte. Wie war das also mit den skandalösen 62 Personen weltweit?

Gewiss, das sind Daumen-Mal-Pi-Rechnungen und vereinfachte Schätzungen, aber zumindest Hinweise darauf, dass die Vermögensungleichheit kein globales Thema, sondern ebenso ein hausgemachtes ist. Ob das politisch zum Thema wird? Vielleicht, aber zuerst gilt es, einmal die Mindestsicherung zu kürzen. Man muss ja Prioritäten setzen!

#3 Einkommen

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Frauen verdienen weniger als Männer – dieses Ungleichgewicht wird nicht nur alljährlich am Equal Pay Day kritisiert. Zum reichsten Zehntel der Einkommensbezieher und -bezieherinnen zählen rund 15,3% der Männer aber nur 4,1% der Frauen. Umgekehrt ist die geschlechtsspezifische Verteilung beim einkommensschwächsten Zehntel (Einkommen unter 728 Euro): hier finden sich 14,5% der Frauen aber nur 6,0% der Männer.

Rund 10% der Österreicherinnen und Österreicher verdienen nur 457 Euro im Monat, im Vergleich dazu erhalten 10% der am besten Verdienenden 4.057 Euro pro Monat für ihre Arbeitsleistung. Den größten Anteil haben Menschen mit mittlerem Einkommen und rund 1.397 Euro pro Monat.

#2 Arbeit in Österreich

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Das wirkt sich vor allem negativ für die Frauen aus: auf die Einkommen und später auf die Pension. Maßnahmen, die dieses Ungleichgewicht beseitigen würden, gäbe es (lt. OECD 2015), hier einige Beispiele:

– Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen
– mehr Väterbeteiligung während der Elternzeit
– Abschaffung der langen Varianten des Kindergeldes
– mehr Information für Jugendliche zu den Auswirkungen von Berufs- und Studienwahl
– Verbesserung der Vereinbarkeit von Seiten der Unternehmen

Und auch ökonomische Vorteile bringt eine Modernisierung der Geschlechterrollen.

Wenn mehr Chancengleichheit und Gleichberechtigung allen mehr bringt, worauf warten wir noch?

Zahl der Woche

2/3 : 1/3

Wöchentlich leisten Frauen 123 Mio. unbezahlte Stunden; davon 17,5 Mio. Stunden für Kinderbetreuung, 1,1 Mio. Stunden für Pflege von Angehörigen und 99,2 Mio. Stunden im Haushalt. Die wöchentliche Erwerbstätigkeit von Frauen beträgt rund 71,4 Mio. Stunden.

Männer arbeiten 111 Mio. Stunden bezahlt und nur 63,6 Mio. Stunden unbezahlt.

Gleichstellung: noch viel zu tun

Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt –
noch viel zu tun!

Anlässlich 20 Jahre Frau & Arbeit hat Drin Margit Schratzenstaller (WIFO)
einen Impulsvortrag gehalten, den Sie hier nachlesen können:

In Österreich bestehen nach wie vor erhebliche Gleichstellungsdefizite zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt. Darauf deuten eine Reihe von einschlägigen Indikatoren hin, die auch zeigen, dass die Gleichstellungsdefizite im internationalen Vergleich relativ stark ausgeprägt sind. So liegt zwar die Erwerbstätigenquote von Frauen mit etwa 68% um etwa 10 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt (58%), aber gleichzeitig um etwa 10 Prozentpunkte unter jener der Männer. Die deutliche Zunahme der Erwerbstätigenquote der Frauen in den letzten zwei Jahrzehnten ist zu einem beträchtlichen Teil auf zusätzliche Teilzeitarbeitsplätze zurückzuführen: Inzwischen arbeiten 46% der österreichischen Frauen in Teilzeit (gegenüber etwa 8% bei den Männern); Österreich hat damit eine der höchsten Teilzeitquoten von Frauen in der EU und befindet sich um etwa 20 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt.

Nach wie vor große Unterschiede

Ebenso weist die Beschäftigungsqualität deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede auf. Die Hälfte der Frauen arbeiten in atypischen Beschäftigungsverhältnissen (Teilzeitarbeit, befristete Beschäftigungsverhältnisse, Leiharbeit), bei den Männern sind es nur 15%. Deutlich unter dem EU-Durchschnitt und nur sehr langsam steigt schließlich die Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen. 2014 betrug in den Top-200-Unternehmen der Frauenanteil in Geschäftsführungen 5,6% und in Aufsichtsräten 13,9%. In den börsennotierten Unternehmen waren 3,1% der Vorstände und 12% der Aufsichtsräte weiblich. Am größten ist aufgrund der bestehenden Selbstverpflichtung der Politik der Frauenanteil in Aufsichtsräten der staatsnahen Unternehmen, der sich zwischen 2007 und 2014 von 16,1% auf 33% mehr als verdoppelt hat. Der Frauenanteil in (gehobenen) Führungs­positionen liegt bei knapp 30%.

Unterschiede in der Arbeitsmarktpartizipation von Frauen und Männern hängen in Österreich vor allem mit dem Vorhandensein von Kindern zusammen: Konkret damit, dass die Frauen den Großteil der Betreuungsarbeit übernehmen, weil die Väterbeteiligung relativ gering und das Angebot an Betreuungsplätzen vor allem für sehr junge Kinder unzureichend ist. Weniger als ein Fünftel der Väter nimmt einen (in der Regel relativ geringen) Anteil der Elternzeit in Anspruch: auch deshalb, weil nur wenige Monate der Elternzeit in Form von nicht-übertragbaren Partnermonaten gewährt werden. Im Regelfall unterbrechen die Mütter ihre Erwerbs­tätigkeit für etwa zwei Jahre. In fast 70% der Familien mit Kindern unter zwei Jahren arbeitet nur ein Elternteil.

Unbezahlte Arbeit liegt bei Frauen

Das Vorhandensein von Kindern führt somit zu einer deutlichen Auseinanderentwicklung der Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen und Männern, die bei kinderlosen jungen Männern und Frauen so gut wie identisch ist. Nach dem zweiten Geburtstag des Kindes steigen viele Mütter in Teilzeit wieder ein. In nur 20% der Familien mit Kindern unter 5 Jahren arbeiten beide Eltern Vollzeit. In Österreich ist insgesamt der Anteil der Frauen an der gesamten unbezahlten Arbeit besonders hoch: Frauen übernehmen doppelt so viel unbezahlte Arbeit wie Männer.

Die quantitativ wie qualitativ unzureichende Betreuungsinfrastruktur ist ein ­wesentlicher Grund für die geringere Arbeitsmarktpartizipation von Müttern insbesondere jüngerer Kinder. Die nach EU-Methodik ermittelte Betreuungsquote für unter Dreijährige beträgt 17% – ­gegenüber 26% im EU-Durchschnitt. Nach nationaler Erhebungsmethode haben die Ausbaubemühungen der letzten Jahre die Betreuungsquote auf 25% erhöht, bis 2017 soll die von der EU vorgegebene Quote von 33% (Barcelona-Ziel) erreicht werden. Allerdings fehlen auch dann noch Betreuungsplätze in erheblichem Umfang. Nach wie vor existieren teilweise beträchtliche Defizite bezüglich der pädagogischen Qualität sowie der Vereinbarkeitsfreundlichkeit (tägliche Öffnungszeiten, lange Schließzeiten).

Steuersystem hinderlich?

Im Abgabensystem gibt es ebenfalls einige Hindernisse für eine stärkere Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt. Zwar ist das Einkommensteuersystem grundsätzlich individualisiert und gibt somit eher einen Anreiz zur Gleichverteilung der steuerpflichtigen Einkommen. Diesem wirken allerdings einige andere Regelungen entgegen, die die bestehende Ungleichverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen stützen. Dazu gehört etwa die steuerliche Begünstigung von bis zu 10 Überstunden pro ­Monat, die in Österreich auch die im internatio­nalen Vergleich sehr langen Arbeitszeiten von Männern unterstützt.

Der Alleinverdienerabsetzbetrag für Paare mit Kindern sowie die beitragsfreie Mitversicherung nicht erwerbstätiger Partner in der Krankenversicherung stützen die Nichterwerbstätigkeit oder nur geringfügige Erwerbstätigkeit eines Partners. Dies gilt auch für die Geringfügigkeitsgrenze in der Sozialversicherung von derzeit etwa 400 Euro monatlich: Bei deren Überschreitung wird das gesamte Bruttoeinkommen fast voll sozialversicherungspflichtig, sie wirkt also als eine Barriere für den Übergang aus der geringfügigen in die versicherungspflichtige Beschäftigung.

Ein zweites Hindernis für die Ausdehnung von Beschäftigungsverhältnissen mit relativ geringen Einkommen ist der relativ hohe Eingangssteuersatz, der auch nach der geplanten Senkung von 36,5% auf 25% 2016 immer noch hoch ist.

Besser gebildet, schlechter entlohnt

Die Gleichstellungsdefizite auf dem Arbeitsmarkt beruhen auch auf einer nach wie ausgeprägten horizontalen Segregation. Zwar verfügen junge Frauen inzwischen im Durchschnitt über höhere Bildungsabschlüsse als junge Männer. Allerdings sind sie in den gut bezahlten Berufen nach wie vor unterrepräsentiert. In der Fächerwahl an Schulen und Hochschulen sowie bei Lehrberufen gibt es anhaltend große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So fokussiert sich die Hälfte der Mädchen, die einen Lehrberuf ergreifen, auf drei Lehrberufe (von insgesamt 250), nämlich Bürokauffrau, Einzelhandel und Friseurin.

Auch die Studienwahl von Frauen und Männern unterscheidet sich deutlich: Die Frauenanteile belaufen sich in der Studienrichtung Veterinär­medizin auf 80%, in den Geisteswissenschaften  auf 71% und in der bildenden und angewandten Kunst auf 62%. Männer konzentrieren sich dagegen in der Technik und der Montanistik (Männeranteile von jeweils gut drei Viertel).

Armutsrisiko Gender Pay Gap

Als Konsequenz der ungleichen Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie der verti­kalen und horizontalen Segregation auf dem Arbeitsmarkt weist Österreich im EU-Vergleich den zweithöchsten geschlechtsspezifischen Lohnunterschied (Gender Pay Gap) auf: Er beläuft sich auf 23%  ̶  gegenüber 16% im Durchschnitt der EU.
Es gibt mehrere Gründe, Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu ergreifen. Erstens wünschen sich viele – vor allem jüngere – Männer und Frauen eine gleichmäßigere intrafamiliäre Aufteilung von Erwerbsarbeit und Betreuungsarbeit. Zweitens resultieren die Gleichstellungsdefizite auf dem Arbeitsmarkt in erheb­lichen Armutsrisiken für Frauen, vor allem im Alter und im Falle von Scheidung. Drittens ist eine stärkere Arbeitsmarktintegra­tion von Frauen auch aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive wünschenswert: So zeigen Studien, dass dadurch das langfristige Wachstumspotenzial von Volkswirtschaften gesteigert wird. Zudem kann eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen einen ­Beitrag zur langfristigen Finanzierbarkeit der ­sozialen Sicherungssysteme leisten. Die Beseitigung der bestehenden Gleichstellungsdefizite auf dem Arbeitsmarkt erfordert eine
breite Palette von Maßnahmen. Diese betreffen unmittelbar kurzfristig insbesondere das ­Abgaben- und Transfersystem, die Bildungs- und die ­Fami­lienpolitik.

Mögliche Maßnahmen

Eine Reihe der folgenden Ansatzpunkte wird auch im kürzlich erschienenen Länderbericht der OECD für Österreich genannt, der auf die Gender Gaps auf dem österreichischen Arbeitsmarkt fokussiert.

Folgende Maßnahmen(bündel) erscheinen als besonders relevant:

  • Beseitigung von Hindernissen für eine gleichmäßigere Verteilung der bezahlten Arbeit im Abgabensystem, vor allem Abschaffung des Alleinverdienerabsetzbetrages, Einschränkung der steuerlichen Begünstigung von Überstunden sowie der beitragsfreien Mitversicherung in der Krankenversicherung, weitere Reduktion des Eingangssteuersatzes, Senkung der Sozialversicherungsbeiträge im unteren und mittleren Einkommensbereich
  • Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht (Verbesserung der pädagogischen Qualität, Erhöhung der Vereinbarkeitsfreundlichkeit durch flexiblere und längere tägliche Öffnungszeiten sowie kürzere Schließzeiten), Ausbau nicht nur im frühkindlichen Bereich, sondern auch der Nachmittagsbetreuung an Schulen, Einführung eines Rechtsanspruchs auf Kinderbetreuung (nach dem Vorbild von Deutschland, Dänemark oder Schweden)
  • Abschaffung der langen Varianten des Kinderbetreu­ungsgeldbezuges, Ausdehnung des Anteils der nicht-übertragbaren Partnermonate zur Förderung der Väterbeteiligung
  • Verbesserte und frühere Information von ­Jugendlichen zu den Auswirkungen von Berufs- und Studienwahl auf Verdienst- und Karrieremöglichkeiten sowie zu den Auswirkungen längerer betreuungsbedingter Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit durch Mütter
  • Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Mütter und Väter auf Unternehmensebene: Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Angebot von Teilzeitoptionen auch in Führungspositionen, Ermöglichung einer intensiveren Väterbeteiligung, Kontaktpflege zu Eltern während der Elternzeit
  • Initiativen durch Politik und Unternehmen zur Erhöhung des Frauenanteils in Führungs­positionen

Die skizzierten Gleichstellungsdefizite auf dem Arbeitsmarkt sind alt bekannt, ebenso wie die genannten Vorschläge für konkrete unmittelbare und kurzfristige Ansatzpunkte zu ihrer Beseitigung. Nichts desto weniger ist es – auch nach 20 Jahren „Frau und Arbeit“ – unerlässlich, weiterhin auf diese Gleichstellungsdefizite hinzuweisen und auf die Umsetzung effektiver Maßnahmen zu ihrer Behebung zu drängen: auch und gerade wegen der vielen Beobachter/innen (zu) langsam erscheinenden Fortschritte der letzten Jahrzehnte.

Mindestens ebenso wichtig ist es aber, die Gleichstellungsthematik in einen größeren und längerfristigen Zusammenhang zu stellen. Angesichts der globalen längerfristigen Trends – Klimawandel, demografischer Wandel, Postindustrialisierung und Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft – stellt sich zunehmend die Frage, wie künftig gewirtschaftet und gearbeitet werden soll. Das bestehende Wirtschaftsmodell stößt immer mehr an seine Grenzen: die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen nimmt zu, die Emissionsintensität und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen stoßen allmählich an die biophysischen Grenzen des Planeten. Mittelfristig werden die Wirtschaftswachstumsraten nicht mehr jene in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts erreichen können – schon aus ökologischen Gründen nicht. Damit stellt sich aber die Frage nach der Zukunft der Beschäftigung, die derzeit relativ eng an das Wirtschaftswachstum gekoppelt ist.

Mögliche Auswirkungen

Was bedeutet das für die Gleichstellung der Geschlechter im Erwerbsleben? Arbeitszeitverkürzung kann mögliche Beschäftigungsprobleme aufgrund eines geringeren Wirtschaftswachstums entschärfen. Der seit Jahrzehnten anhaltende Trend der Arbeitszeitverkürzung ist daher durch innova­tive Modelle der individuellen, aber auch der kollek­tiven Arbeitszeitverkürzung verstärkt zu unterstützen.

Grundlage dafür sollte ein neues Modell der Vollbeschäftigung sein, das auch auf egalitären Geschlechterbeziehungen beruht: insofern, als sowohl die bezahlte als auch die unbezahlte Arbeit gleichmäßig zwischen Männern und Frauen verteilt wird und dass die bezahlte Erwerbstätigkeit beider Geschlechter selbstverständlich ist. Allerdings erscheint das geltende Normalarbeitsverhältnis, dem das männliche Ernährermodell zugrunde liegt und auf dessen Verwirklichung auch für Frauen viele der aktuellen Vorschläge zur Verwirklichung der Geschlechtergleichstellung explizit oder implizit abzielen, überholt. Insbesondere dann, wenn jüngere Kinder zu betreuen sind, aber auch in Phasen der Betreuung der zunehmenden Zahl pflegebedürftiger Älterer scheint vielmehr ein neues Normalarbeitszeitmodell dringend erforderlich: ein Normal­arbeitszeitmodell, in dem für Frauen wie Männer eher dreißig als vierzig Wochenstunden die Regel sind.

Politisches Engagement gefragt

Nur so kann für beide Geschlechter ein Existenz sicherndes Einkommen verbunden werden mit den zeitlichen Ressourcen, die für die Übernahme von Betreuungs-, Pflege- und Hausarbeit sowie soziales und politisches Engagement erforderlich sind.
Ein solches neues Normalarbeitsverhältnis für ­beide Geschlechter stellt eine zentrale Voraussetzung für die Einebnung der bestehenden Einkommensunterschiede während der aktiven Teilnahme am Erwerbsleben dar, die sich in Phasen der Arbeitslosigkeit sowie im Alter fortsetzen. Es ist Teil einer Modernisierung des bestehenden Wohlfahrtsstaatsmodells, das die derzeit vielfach oft nachsorgende Sozialpolitik ergänzt um die soziale Absicherung flexiblerer Arbeitsformen für beide Geschlechter sowie eine vorsorgende Politik sozialer Investitionen, die Chancengleichheit unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund sowie Geschlecht schafft.

Geht die Rechnung auf?

Keine Überraschung: Das Pensionsantrittsalter der Frauen wird angehoben – das steht fest: für alle ab 1963 Geborenen. Die neue Argumentationslinie überrascht dafür umso mehr: denn laut Politik müssen Frauen nun weniger Angst davor haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren (weil knapp 60 = aus dem Job gedrängt) und zweitens bekommen sie dann mehr Pension.

Wie viel mehr das tatsächlich ist, darüber wird kein Wort verloren. Denn diese 5 Jahre bringen bei einem Bruttogehalt von 2.000 Euro monatlich lediglich 122 Euro brutto monatlich mehr Pension. Damit lassen sich weder große Sprünge machen noch wird Altersarmut vermieden.

Auch das zweite Argument ist dürftig: denn Frauen werden zurzeit wesentlich früher aus dem Job gedrängt, weil bereits zu alt und zu teuer. Teilweise mit Mitte 40. Die Anhebung wird deshalb auch keien große Rolle spielen, damit mehr Unternehmen ältere Arbeitnehmer/innen weiter beschäftigen.

Alles nichts Neues, denn Frauen liegen sowieso immer irgendwie falsch: entweder sie sind zu jung (also keine Berufserfahrung) und sie könnten schwanger werden; sind die Kinder da, könnte es sein, dass es Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit gibt – also auch nicht der Arbeitgeber/innen Wunsch. Sind die Kinder größer, werden Frauen als Arbeitskräfte plötzlich zu teuer. Und sind die Kinder endlich aus dem Haus, sind Frauen zu alt. Oder haben erneut Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit, weil Eltern oder Schwiegereltern gepflegt werden müssen.

Zu dem ganzen Dilemma gesellen sich noch schlechtere Bezahlung, wenig Einkommen weil Teilzeitarbeit – aufgrund der teilweise unmöglichen Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und letztendlich weniger Pension weil weniger Beitragsjahre.

Dass dann immer noch Stimmen laut werden und fordern, Frauen sollten länger arbeiten, weil sie eine höhere Lebenserwartung als Männer haben, ist völlig unverständlich.

Denn irgendwann müssen die Frauen ja endlich Zeit zum Leben haben – nur fehlt ihnen dazu in der Pension meist leider das Geld.

 

 

 

Bald zu alt …

Immer jünger werden die „älteren Arbeitskräfte“, die ihren Arbeitsplatz verlieren.Teilweise bereits mit Anfang 40 werden sie ausgetauscht – gegen jüngere, die billiger sind. Keine Frage, dass sich ein solcher Umgang extrem negativ auf die aus der Arbeitswelt Entlassenen auswirkt: lange Zeiten der Arbeitslosigkeit, geminderter Selbstwert und Existenzängste werden zum Alltag. Hinzu kommt, dass diese Menschen kaum Hoffnung auf einen Wiedereinstieg haben. In einer Umfrage geben 73% der Befragten an, eher schwer bzw. sehr schwer einen Job zu finden.

Von Überqualifizierung ist die Rede, von zu hohen Kosten für erfahrene Mitarbeiter/innen. Auf unzählige Bewerbungen kommen nicht einmal Absagen, kaum je eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Zermürbend, entwürdigend und frustrierend ist diese Zeit für die Betroffenen, macht vielfach krank. Denn in unserer Gesellschaft ist kein Platz für derart Gescheiterte.

Mit Anfang 40 ist im Hinblick auf die heutige Lebenserwartung niemand alt. Nicht zu alt dafür, eine Familie oder ein eigenes Unternehmen zu gründen – wohl aber zu alt für die Arbeitswelt? Gerade jetzt, wo das Pensionsalter der Frauen angehoben wird, ein Widerspruch in sich. Denn wie, bitte, sollen Frauen bis 65 arbeiten, wenn die Unternehmer/innen das Potenzial der Älteren nicht zu schätzen wissen?

Ein beliebtes Argument pro Anhebung des Pensionsalters ist nach wie vor, dass Frauen dann ja mehr Pension bekommen würden und sich die Gefahr der Altersarmut reduziere. Was nicht stichhaltig ist, denn Frauen sind nicht etwa deshalb eher von Altersarmut betroffen, weil sie früher in Pension gehen, sondern weil sie während ihres gesamten Berufslebens weniger verdienen und mehr Berufsunterbrechungen haben: aufgrund von einer Menge unbezahlter Arbeit, wie Kindererziehung, Haushalt, Pflege von Angehörigen.

Das geht sich also alles so nicht aus, wie die Politik das plant. Der ÖGB fordert deshalb ein Bonus-Malus-System für Betriebe. Ob das hilft, wird sich zeigen. Den Frauen (und Männern) bleibt nur zu hoffen, dass sie möglichst lange im Arbeitsleben verbleiben können.

Hier gehts zum Angebot für Frauen 40+