(K)eine Pension für Frauen?

NACHGEFRAGT

im Interview Kristina Vaillant
Co-Autorin von „Die verratene Generation“
gemeinsam verfasst mit Christina Bylow

Thema: Altersarmut von Frauen

Das Buch beschreibt zwar die Lage in Deutschland,
die Situation der Frauen in Österreich ist jedoch die gleiche.

Kristina Vaillant, Jahrgang 1964, arbeitet als freie Journalistin
in Berlin und schreibt über Themen aus Wissenschaft und Forschung.
Christina Bylow, Jahrgang 1962, schreibt als freie Journalistin
für renommierte Medien in Deutschland.

f&a: Frau Vaillant, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die verratene Generation“. Worin besteht der Verrat an den Frauen?

Kristina Vaillant: In dem Buch geht es um die Generation der Frauen in Deutschland, die in den Jahren zwischen 1958 und 1968 geboren sind. Heute sind sie zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig. Nahezu 7 Millionen Frauen sind das, sie gehören zur Generation der Babyboomer. Viele waren die ersten Töchter in ihren Familien, die eine Ausbildung oder ein Studium absolvierten. Im Beruf sind sie trotzdem oft nicht zum Zug gekommen – auch wenn sie mit einer guten Ausbildung und mit viel Enthusiasmus ins Berufsleben gestartet sind. Sie glaubten, sie hätten nun dieselben Möglichkeiten wie ihre männlichen Altersgenossen. Tatsächlich mussten sie sich entscheiden: Familie oder Beruf. Viele sind wegen der Kindererziehung teilweise oder ganz aus dem Beruf ausgestiegen, die Hälfte dieser Frauen arbeitet Teilzeit. Etwa ein Drittel dieser Frauengeneration erwartet nun Rentenzahlungen, die nicht einmal das Existenzminimum decken werden.
Das ist der Verrat!

f&a:Warum sind Ihrer Meinung nach Frauen in diese Lage geraten?

Kristina Vaillant: Es gibt eine Vielzahl von Gründen. Sie sind in der Geschichte unseres Landes, in einem gesellschaftlichen Klima und einer Politik zu suchen, die davon ausging, dass jede Frau einen Ernährer an der Seite hat. Ihre eigenständige Existenzsicherung spielte bei wichtigen arbeitsmarkt- und rentenpolitischen Entscheidungen keine Rolle. Ein Beispiel: Als die Babyboomer in den 80er- und 90er-Jahren auf den Arbeitsmarkt drängten, war die Konkurrenz groß. Und das, was einmal Standard war, die unbefristete Vollzeitstelle, gab es immer weniger. Für die Frauen waren diese Jobs nicht vorgesehen. Sie sollten das Heer der Teilzeitkräfte und Minijobs im wachsenden Dienstleistungssektor stellen und darüber hinaus die perfekte Mutter sein. Kindergärten und Schulen entließen die Kinder in der Regel um die Mittagszeit. Das Steuerrecht in Deutschland subventioniert bis heute genau dieses Modell äußerst großzügig: gutverdienender Ehemann und hinzuverdienende Ehefrau. Berufstätige Mütter, die alleine für ihre Kinder sorgen, sind dagegen steuerlich benachteiligt.

f&a: Hat das System versagt?

Kristina Vaillant: Die Einsicht, dass dies nicht das Schicksal einzelner Frauen, sondern eine kollektive Erfahrung ist, war eine wichtige Motivation für uns das Buch zu schreiben. Wie viel System dahinter steckt, wurde uns klar, als Anfang 2012 die erste wissenschaftliche Studie zu den Rentenerwartungen der Frauen dieser Generation vorgelegt wurde. Demnach müssen 40 Prozent dieser Generation aus dem Westteil Deutschlands mit einer gesetzlichen Rente von maximal 600 Euro rechnen. Damit hatte man nicht gerechnet, weil diese Frauen ja zu 80 Prozent berufstägig sind. Aber es sind eben häufig nicht die gut bezahlten Jobs, hinzu kommen lange Unterbrechungen wegen Kindererziehungszeiten. In den neuen Bundesländern sind voraussichtlich nur 20 Prozent der Frauen davon betroffen, eine Vollzeit-Berufstätigkeit war dort auch für Mütter eine Selbstverständlichkeit, für Kinderbetreuung war gesorgt. Mit unserem Buch wollen wir zeigen, warum kein individuelles Versagen dahinter steckt, wenn die Renten der Frauen nur halb so hoch sind wie die der Männer, wenn sie nicht die Karriere gemacht haben, die ihre Qualifikation und ihre Hingabe verdienen, wenn sie bei einer Scheidung nach dem neuen Unterhaltsrecht ihren Lebensstandard einbüßen. Es war uns wichtig diese Zusammenhänge aufzuklären, gerade dann, wenn Reden über Wahlfreiheit geschwungen werden, wenn die Emanzipation als politische Aufgabe von manchen als erledigt abgehakt und wenn die Selbstoptimierung als Ausweg gepriesen wird.

f&a:Was müsste sich ändern?

Kristina Vaillant: Meiner Ansicht nach brauchen wir in Deutschland dringend eine Mindestrente, um zu vermeiden, dass Frauen, die berufstätig waren, die für Kinder und Angehörige gesorgt haben, im Alter zum Sozialamt gehen müssen. Und die Politik muss sicherstellen, dass auch die Sorge für andere honoriert wird. Teilzeit-Arbeit oder eine zeitweise Unterbrechung der Berufsstätigkeit an sich ist ja eine gute Lösung für Zeiten, in denen jemand für Kinder sorgen oder sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern will. Aber dann muss Teilzeit attraktiv werden. Und das werden solche Jobs erst dann, wenn auch Führungskräfte selbstverständlich in Teilzeit arbeiten, wenn sie Aufstiegschancen bieten und der Staat für fehlende Rentenbeiträge aufkommt. Dann wäre Teilzeit kein Abstellgleis mehr, dann ist Teilzeitarbeit für Männer wie Frauen attraktiv.

f&a: Was raten Sie jungen Frauen und können Frauen ab 50 noch etwas für sich verändern?

Kristina Vaillant: Mit dem Elterngeld und dem Ausbau der Kinderbetreuung sind junge Frauen in Deutschland nicht mehr wie die älteren vor die Entscheidung gestellt: Familie oder Beruf. Andererseits: Auch unter den 30- bis 40-jährigen Frauen arbeitet in Deutschland jede zweite in Teilzeit. Sind Kinder da, folgen auch junge Paare häufig einer traditionellen Arbeitsteilung. Welche Folgen das haben kann, ist heute kein Geheimnis mehr, das können sie von den älteren Frauen erfahren. Und die sind mit 50 keineswegs alt. Sie sind, wenn auch nicht rechnerisch, aber doch gefühlt, in der Mitte des Lebens angekommen. Sie sind reich an Berufs- und Lebenserfahrung und haben noch mindestens 15 Jahre Berufsleben vor sich. Gerade unter den älteren Frauen steigt der Anteil der Erwerbstätigen. Viele Frauen machen auch in diesem Alter noch einmal einen Sprung, übernehmen mehr Verantwortung im Beruf oder bekommen die erste feste Stelle ihres Lebens. Die Politik sollte das unterstützen, indem sie beispielsweise dafür sorgt, dass bei Bewerbungen wie in den USA keine Angaben mehr zu Alter und Geschlecht gemacht werden oder dadurch dass Altersbegrenzungen bei Beförderungen oder Stipendien wegfallen. Warum sollte man mit 50 nicht auch eine neue Ausbildung beginnen oder promovieren können?

f&a: Danke für das Gespräch.

titel_Die verratene Generation_web

Christina Bylow, Kristina Vaillant
Die verratene Generation. Was wir den Frauen in der Lebensmitte zumuten
ca. 256 Seiten, Klappenbroschur HC € 16,99 (D), E-Book € 14,99

 

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