Mein Pensionskonto_2

NACHGEFRAGT

im Interview Maria B.
58 Jahre, 3 erwachsene Kinder

Thema: Meine Pension

f&a: Haben Sie Ihr Pensionskonto bereits erhalten?
Ich habe das Schreiben bereits erhalten; die voraussichtliche Höhe meiner Pension war keine Überraschung für mich – ich habe mit diesem Betrag gerechnet.

f&a: Werden Sie von Ihrer voraussichtlichen Pension leben können?
Nein. Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet, bereits mit 16 war ich Lehrmädchen. Und jetzt reicht die Pension wahrscheinlich nicht einmal für die Kosten des täglichen Lebens. Das ist sehr deprimierend. Geld für eine private Vorsorge hatte ich leider nicht.

f&a: Wenn nein, wie ist es dazu gekommen?
Meine Mutter ist früh verstorben, mein Vater konnte nicht für mich und meine drei Geschwister sorgen. So kam ich zu einer Pflegefamilie, für die ich eine billige Arbeitskraft war. Gefragt wurde ich nie, welchen Beruf ich erlernen wollte. Das wurde für mich entschieden und eine Ausbildung zur Verkäuferin ausgewählt, gewohnt habe ich bei meinem Lehrherren, an den Feiertagen musste ich ins Kloster.

Ich habe meinen Mann kennengelernt und drei Kinder geboren; in Karenz war ich nie längere Zeit, denn ich musste für die Familie sorgen. Mein Beruf ließ sich sehr gut mit den Öffnungszeiten des Kindergartens vereinbaren. Sonst hätte das nicht funktioniert. Gearbeitet habe ich also immer. Trotzdem ist es jetzt zu wenig.

f&a: Wurden Sie ausreichend informiert z. B. über die Folgen von Teilzeit?
Nein, ich habe mich nicht darum gekümmert. Erst vor ca. 5 Jahren, da war ich 53.

f&a: Welche Strategien überlegen Sie für sich bis zur Pension und darüber hinaus?
Momentan fühle ich mich als nicht zur Gesellschaft gehörig. Ich wurde gekündigt und bin dabei, eine neue Struktur zu schaffen, das fällt mir sehr schwer. Auch gesundheitlich bin ich angeschlagen, ein Kurantrag wurde leider abgelehnt. Da kommen schon Zweifel auf, obwohl wir ein sehr gutes Sozialsystem in Österreich haben. Mir fehlt einfach die Perspektive und die meisten Dinge, die ich gerne machen möchte, kosten Geld, das ich nicht habe.

f&a: Was wünschen Sie sich von der Politik?
Die Arbeit von Frauen muss besser bezahlt werden, besonders die viele unbezahlte Arbeit, die Frauen für die Gesellschaft leisten. Außerdem wünsche ich mir mehr Wertschätzung für die Familienarbeit. Und ganz wichtig: dass Frauen und Männer bei gleicher Ausbildung auch gleich viel verdienen.

f&a: Was raten Sie jungen Frauen?
Frauen sollten sich unbedingt um eine gute Ausbildung, und wenn möglich auch frühzeitig um eine Pensionsvorsorge kümmern.

f&a: Danke für das Interview.

Möchen auch Sie davon erzählen, wie es Ihnen im Hinblick auf Ihre Pension geht? Rufen Sie uns an 0662 880723 oder schreiben Sie eine E-Mail c.weiss@frau-und-arbeit.at

Mein Pensionskonto

NACHGEFRAGT

im Interview Franziska S.
44 Jahre, 2 Kinder, 6 und 13 Jahre

Thema: Meine Pension

f&a: Haben Sie Ihr Pensionskonto bereits erhalten?
Ja. Ich habe mir etwas mehr erwartet. Aber ich habe ja noch ein paar Jahre zu arbeiten.

f&a: Werden Sie von Ihrer voraussichtlichen Pension leben können?
Wenn ich mit meinem Mann zusammenbleibe schon. Ansonsten geht es sich nicht aus, obwohl ich seit vielen Jahren zusätzlich in eine private Pensionsvorsorge einzahle. Wer weiß, ob die nicht noch besteuert wird.

f&a: Wenn nein, was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?
Nach Abschluss einer höheren Schule war ich überwiegend als Sachbearbeiterin in verschiedenen Unternehmen beschäftigt mit durchschnittlichem Gehalt. Bis zur Geburt meiner Töchter auch Vollzeit. Dann war ich jeweils 3 Jahre in Karenz. Der Wiedereinstieg war äußerst schwierig. Mein vormaliger Arbeitgeber musste Personal reduzieren, so konnte ich nicht an meinen alten Arbeitsplatz zurück. Die Qualifikationen, die man durch Kindererziehung erwirbt, wie Flexibilität oder gutes Organisieren werden nicht anerkannt oder eher belächelt.

Ohne die Hilfe meiner Eltern hätte ich überhaupt nicht arbeiten können, denn die Kinderbetreuung hat nicht gepasst. Mein Mann wollte eigentlich auch in Karenz gehen – der Haushalt wäre aber weiterhin meine Verantwortung gewesen. Ich glaube, dass viele Männer eine ähnliche Vorstellung haben. Das bisschen Spielen mit den Kindern macht doch Spaß. Was darüber hinaus alles zu organisieren ist, vergessen sie leicht.

Ein Grund ist sicher auch mein Gehalt. In einem Unternehmen hat ein Kollege mit gleicher Ausbildung, gleichem Alter und gleicher Arbeitsplatzbeschreibung mehr verdient als ich.

f&a: Wurden Sie ausreichend informiert z. B. über die Folgen von Teilzeit?
Ja. Mit 34 Jahren war ich in einem Unternehmen beschäftigt: Die Betriebsrätin der Firma hat uns Frauen über die Auswirkungen von Teilzeit informiert und darauf hingewiesen, wie wichtig eine zusätzliche Vorsorge ist. Sie hat auch geraten, unbedingt mehr als 30 Stunden zu arbeiten.

f&a: Welche Strategien überlegen Sie für sich bis zur Pension und darüber hinaus?
Wenn meine jüngere Tochter fertig ist mit der Volksschule, werde ich wohl wieder Vollzeit arbeiten.

f&a: Was wünschen Sie sich von der Politik?
Ich wünsche mir, dass es mehr Anerkennung und finanzielle Vorteile für Familien mit Kindern gibt. Auch eine gezielte Förderung von Familien wäre hilfreich. Denn Kinder kosten viel Geld, das wird viel zu wenig berücksichtigt. Und es sollten Anreize geschaffen werden, dass Paare wieder mehr Kinder bekommen. Das wäre auch gut für unser Pensionssystem.

f&a: Was raten Sie jungen Frauen?
Wichtig ist eine gute Ausbildung, ein beruflicher Abschluss. Das muss nicht immer ein Studium sein. Unverzichtbar ist, ständig dranzubleiben, im Sinne von Weiterbildung. Und die jungen Frauen sollten unbedingt ihre Partner motivieren, Väterkarenz zu nehmen. Damit das so normal wird wie Mütterkarenz. Und noch etwas: Frauen sollen sich viel mehr auf die Füße stellen und Dinge, die ihnen wichtig sind einfordern.

f&a: Danke für das Interview.

Möchen auch Sie davon erzählen, wie es Ihnen im Hinblick auf Ihre Pension geht? Rufen Sie uns an 0662 880723 oder schreiben Sie eine E-Mail c.weiss@frau-und-arbeit.at

 

 

(K)eine Pension für Frauen?

NACHGEFRAGT

im Interview Kristina Vaillant
Co-Autorin von „Die verratene Generation“
gemeinsam verfasst mit Christina Bylow

Thema: Altersarmut von Frauen

Das Buch beschreibt zwar die Lage in Deutschland,
die Situation der Frauen in Österreich ist jedoch die gleiche.

Kristina Vaillant, Jahrgang 1964, arbeitet als freie Journalistin
in Berlin und schreibt über Themen aus Wissenschaft und Forschung.
Christina Bylow, Jahrgang 1962, schreibt als freie Journalistin
für renommierte Medien in Deutschland.

f&a: Frau Vaillant, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die verratene Generation“. Worin besteht der Verrat an den Frauen?

Kristina Vaillant: In dem Buch geht es um die Generation der Frauen in Deutschland, die in den Jahren zwischen 1958 und 1968 geboren sind. Heute sind sie zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig. Nahezu 7 Millionen Frauen sind das, sie gehören zur Generation der Babyboomer. Viele waren die ersten Töchter in ihren Familien, die eine Ausbildung oder ein Studium absolvierten. Im Beruf sind sie trotzdem oft nicht zum Zug gekommen – auch wenn sie mit einer guten Ausbildung und mit viel Enthusiasmus ins Berufsleben gestartet sind. Sie glaubten, sie hätten nun dieselben Möglichkeiten wie ihre männlichen Altersgenossen. Tatsächlich mussten sie sich entscheiden: Familie oder Beruf. Viele sind wegen der Kindererziehung teilweise oder ganz aus dem Beruf ausgestiegen, die Hälfte dieser Frauen arbeitet Teilzeit. Etwa ein Drittel dieser Frauengeneration erwartet nun Rentenzahlungen, die nicht einmal das Existenzminimum decken werden.
Das ist der Verrat!

f&a:Warum sind Ihrer Meinung nach Frauen in diese Lage geraten?

Kristina Vaillant: Es gibt eine Vielzahl von Gründen. Sie sind in der Geschichte unseres Landes, in einem gesellschaftlichen Klima und einer Politik zu suchen, die davon ausging, dass jede Frau einen Ernährer an der Seite hat. Ihre eigenständige Existenzsicherung spielte bei wichtigen arbeitsmarkt- und rentenpolitischen Entscheidungen keine Rolle. Ein Beispiel: Als die Babyboomer in den 80er- und 90er-Jahren auf den Arbeitsmarkt drängten, war die Konkurrenz groß. Und das, was einmal Standard war, die unbefristete Vollzeitstelle, gab es immer weniger. Für die Frauen waren diese Jobs nicht vorgesehen. Sie sollten das Heer der Teilzeitkräfte und Minijobs im wachsenden Dienstleistungssektor stellen und darüber hinaus die perfekte Mutter sein. Kindergärten und Schulen entließen die Kinder in der Regel um die Mittagszeit. Das Steuerrecht in Deutschland subventioniert bis heute genau dieses Modell äußerst großzügig: gutverdienender Ehemann und hinzuverdienende Ehefrau. Berufstätige Mütter, die alleine für ihre Kinder sorgen, sind dagegen steuerlich benachteiligt.

f&a: Hat das System versagt?

Kristina Vaillant: Die Einsicht, dass dies nicht das Schicksal einzelner Frauen, sondern eine kollektive Erfahrung ist, war eine wichtige Motivation für uns das Buch zu schreiben. Wie viel System dahinter steckt, wurde uns klar, als Anfang 2012 die erste wissenschaftliche Studie zu den Rentenerwartungen der Frauen dieser Generation vorgelegt wurde. Demnach müssen 40 Prozent dieser Generation aus dem Westteil Deutschlands mit einer gesetzlichen Rente von maximal 600 Euro rechnen. Damit hatte man nicht gerechnet, weil diese Frauen ja zu 80 Prozent berufstägig sind. Aber es sind eben häufig nicht die gut bezahlten Jobs, hinzu kommen lange Unterbrechungen wegen Kindererziehungszeiten. In den neuen Bundesländern sind voraussichtlich nur 20 Prozent der Frauen davon betroffen, eine Vollzeit-Berufstätigkeit war dort auch für Mütter eine Selbstverständlichkeit, für Kinderbetreuung war gesorgt. Mit unserem Buch wollen wir zeigen, warum kein individuelles Versagen dahinter steckt, wenn die Renten der Frauen nur halb so hoch sind wie die der Männer, wenn sie nicht die Karriere gemacht haben, die ihre Qualifikation und ihre Hingabe verdienen, wenn sie bei einer Scheidung nach dem neuen Unterhaltsrecht ihren Lebensstandard einbüßen. Es war uns wichtig diese Zusammenhänge aufzuklären, gerade dann, wenn Reden über Wahlfreiheit geschwungen werden, wenn die Emanzipation als politische Aufgabe von manchen als erledigt abgehakt und wenn die Selbstoptimierung als Ausweg gepriesen wird.

f&a:Was müsste sich ändern?

Kristina Vaillant: Meiner Ansicht nach brauchen wir in Deutschland dringend eine Mindestrente, um zu vermeiden, dass Frauen, die berufstätig waren, die für Kinder und Angehörige gesorgt haben, im Alter zum Sozialamt gehen müssen. Und die Politik muss sicherstellen, dass auch die Sorge für andere honoriert wird. Teilzeit-Arbeit oder eine zeitweise Unterbrechung der Berufsstätigkeit an sich ist ja eine gute Lösung für Zeiten, in denen jemand für Kinder sorgen oder sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern will. Aber dann muss Teilzeit attraktiv werden. Und das werden solche Jobs erst dann, wenn auch Führungskräfte selbstverständlich in Teilzeit arbeiten, wenn sie Aufstiegschancen bieten und der Staat für fehlende Rentenbeiträge aufkommt. Dann wäre Teilzeit kein Abstellgleis mehr, dann ist Teilzeitarbeit für Männer wie Frauen attraktiv.

f&a: Was raten Sie jungen Frauen und können Frauen ab 50 noch etwas für sich verändern?

Kristina Vaillant: Mit dem Elterngeld und dem Ausbau der Kinderbetreuung sind junge Frauen in Deutschland nicht mehr wie die älteren vor die Entscheidung gestellt: Familie oder Beruf. Andererseits: Auch unter den 30- bis 40-jährigen Frauen arbeitet in Deutschland jede zweite in Teilzeit. Sind Kinder da, folgen auch junge Paare häufig einer traditionellen Arbeitsteilung. Welche Folgen das haben kann, ist heute kein Geheimnis mehr, das können sie von den älteren Frauen erfahren. Und die sind mit 50 keineswegs alt. Sie sind, wenn auch nicht rechnerisch, aber doch gefühlt, in der Mitte des Lebens angekommen. Sie sind reich an Berufs- und Lebenserfahrung und haben noch mindestens 15 Jahre Berufsleben vor sich. Gerade unter den älteren Frauen steigt der Anteil der Erwerbstätigen. Viele Frauen machen auch in diesem Alter noch einmal einen Sprung, übernehmen mehr Verantwortung im Beruf oder bekommen die erste feste Stelle ihres Lebens. Die Politik sollte das unterstützen, indem sie beispielsweise dafür sorgt, dass bei Bewerbungen wie in den USA keine Angaben mehr zu Alter und Geschlecht gemacht werden oder dadurch dass Altersbegrenzungen bei Beförderungen oder Stipendien wegfallen. Warum sollte man mit 50 nicht auch eine neue Ausbildung beginnen oder promovieren können?

f&a: Danke für das Gespräch.

titel_Die verratene Generation_web

Christina Bylow, Kristina Vaillant
Die verratene Generation. Was wir den Frauen in der Lebensmitte zumuten
ca. 256 Seiten, Klappenbroschur HC € 16,99 (D), E-Book € 14,99