Widerstand ist machbar, Frau Nachbar!

Antworten von Drin phil. Birgit Buchinger, Sozialwissenschafterin und Organisationsentwicklerin

Ob dieser Aufruf zu politischem Ungehorsm ebenso wirkt wie in den 70er-Jahren bleibt abzuwarten. Der richtige Zeitpunkt dafür ist jetzt. Denn Arbeit macht immer öfter krank, eine Neustrukturierung der Arbeitswelt ist also dringend nötig. Und so kann das in der Praxis aussehen.

Viele behaupten, dass durch eine generelle Arbeitszeit-verkürzung bei gleichbleibendem Gehalt etliche Probleme gelöst wären. wie sehen sie das?

Ich spreche lieber von „verkürzter Vollzeitarbeit für alle“. Wir beobachten seit Jahren verschiedene Phänomene im Erwerbsarbeitsbereich: Immer mehr Menschen arbeiten bedeutend mehr als 40 Stunden; zugleich weiten sich die Teilzeitbeschäftigung oder die sogenannte geringfügige Beschäftigung aus.

Immer mehr Frauen, zunehmend auch Männer halten den psychischen Druck in der Erwerbsarbeit nicht mehr aus. Was sich unter anderem sehr deutlich in den rasant zunehmenden Krankenständen sowie den krankheitsbedingten Frühpensionierungen aufgrund psychischer Erkrankungen zeigt.

Welche Vorteile und Nachteile beinhaltet das Modell?

Eine „verkürzte Vollzeit für alle“ – etwa 30 Wochenstunden als Ausmaß von Vollzeitarbeit – würde gesamtgesellschaftlich, jedoch auch individuell eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen: Frauen und Männer mit Versorgungspflichten würden dabei unterstützt, Betreuungs- und Versorgungsarbeiten partnerInnenschaftlich zu teilen. Dies würde das Aufbrechen der traditionellen Rollenverteilung am effizientesten vorantreiben.

Insgesamt würden Frauen und Männer damit ihren Zeitwohlstand verbessern. Dadurch ist die „verkürzte Vollzeit für alle“ eine wesentliche Maßnahme zur Vorbeugung psychischer Störungen und Erkrankungen. Außerdem hätten auch Frauen mehr Zeit, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren, etwa für politische oder kulturelle Aktivitäten. Somit würde die „verkürzte Vollzeit für alle“ eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe aller am soziokulturellen Leben in unserer Gesellschaft bilden.

Wogegen wehren sich Gegner/innen dieses Vorschlages?

Gegner/innen argumentieren damit, dass solch eine Maßnahme nicht finanzierbar sei und den Wirtschaftsstandort Österreich gefährde. Dem ist entgegenzuhalten, dass selbst in den Krisenjahren der letzten Zeit viele Branchen und Unternehmen größere Gewinne erzielten als je zuvor. Überwiegend auf Kosten der Arbeitnehmer/innen.

Wie kann eine Umsetzung gelingen?

Insgesamt geht es um gesellschaftliche Umverteilung: Eine wesentliche diesbezügliche Maßnahme sollte die höhere Besteuerung des Vermögens in Österreich sein, um auf der anderen Seite den „Faktor Arbeit“ entlasten zu können. Und schließlich leisten wir uns seit einigen Jahren Milliardenzuschüsse an marode Banken; dies scheint verkraftbar zu sein, vor allem, da dafür ja ohnedies die „kleine Frau“ und der „kleine Mann“ von der Straße aufkommen, wenngleich sie selbst mehr und mehr weniger mit dem eigenen Einkommen auskommen.

Auch hier ist wieder politischer Druck von der Straße gefragt. Wie hieß es so schön zu den Anfängen der Autonomen Frauenbewegung in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts: „Widerstand ist machbar, Frau Nachbar!“

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