Was ist schon gerecht?

Antworten von Mag. Hans Holzinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter Robert Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen

Dike, die griechische Göttin der Gerechtigkeit hätte alle Hände voll zu tun. Denn von gerecht ist die derzeitige Situation weit entfernt: die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die soziale Verteilung muss sich also verändern – damit die Lebenszufriedenheit auch in Österreich wieder steigt. Aber wie?

Wie kann unsere Gesellschaft insgesamt gerechter werden?

Notwendig ist eine Neuausrichtung der Steuersysteme, die alle Formen von Einkommen zur Finanzierung der öffentlichen Leistungen heranzieht – auch jene aus Vermögen und Immobilien. Laut aktuellen Zahlen der Liechtensteiner Investmentgesellschaft Valluga hat sich die Zahl der Euro-Millionäre in Österreich im Jahr 2012 auf 77.500 erhöht, das entspricht einem Zuwachs von 7,7 %.

Noch stärker als die Anzahl der Millionäre wuchsen ihre Vermögen: nämlich auf 245 Mrd. Euro, was einem Zuwachs von 10 % entspricht. In anderen EU-Ländern ist die Entwicklung ähnlich. Die stärkere Besteuerung von Vermögen ist daher nicht nur aus Günden der Gerechtigkeit, sondern auch aus demokratie-politischen Gründen notwendig. Die erste Million ist bekanntlich am schwersten verdient, denn das Zinssystem sorgt für einen immer stärkeren Zuwachs, je höher das Vermögen ist. Gewinne aus Vermögen sind daher die tatsächlich „leistungslosen“ Einkommen.

Was bedeutet das für die Arbeitswelt?

Da in High-Tech-Gesellschaften Profite vor allem durch Automatisierungsprozesse erreicht werden, brauchen wir auch eine Verlagerung des Steueraufkommens. Weg vom Faktor Arbeit hin zum Faktor Gewinn, insbesondere, wenn dieser nicht reinvestiert wird. Dies wird auch der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft erfordern, da sich Dienstleistungen nur bedingt oder gar nicht rationalisieren lassen.

Nicht zuletzt muss die Einkommensschere verringert werden. Der Abstand zwischen Höchst- und Niedrigsteinkommen ist auf ein Niveau geklettert, das nichts mehr mit Leistungsgerechtigkeit zu tun hat. Unterschiede etwa um den Faktor 500 sind nie und nimmer gerechtfertigt. Faktor 500 meint, dass die Spitzeneinkommen 500-mal höher liegen als die niedrigsten Einkommen; bei 1:20 schrumpft dieses Verhältnis entsprechend! Zu diskutieren wären daher maximale Unterschiede etwa von 1:20, 1:30 oder 1:40.

Ein erster Schritt dorthin – und das würde auch den niedrigeren Fraueneinkommen zugute kommen – wäre die Umstellung der Lohnerhöhungen von Prozentwerten auf Absolutbeträge. Denn prozentuelle Lohnerhöhungen begünstigen Menschen mit höheren Einkommen doppelt: zum ohnedies bereits höheren Lohn kommt ein höherer Lohnzuwachs.

Ein 3%-Zuwachs bei einem Monatseinkommen von 1.500 Euro entspricht 45 Euro Lohnzuwachs, bei einem Monatseinkommen von 15.000 Euro sind es 450 Euro.

Wie lässt sich das erreichen?

Da der Staat freilich den Unternehmen die Einkommen nicht vorschreiben kann und auch nicht soll (Ausnahme: garantierter Mindestlohn), kann das „Viel-Verdienen“ nur durch entsprechend höhere Steuersätze unattraktiv gemacht werden. Voraussetzung hierfür sind transparente Einkommensstrukturen – so wie wir auch Transparenz hinsichtlich Vermögen brauchen.

Um über als fair empfundene Einkommens- und Vermögensverhältnisse diskutieren zu können, müssen wir wissen, wer wie viel verdient und wie viel besitzt. Vorbild sind hier die skandinavischen Länder, die über diese Transparenz verfügen und auch über geringere Einkommensunterschiede. – Ein Grund dafür, warum laut Umfragen die Lebenszufriedenheit in diesen Ländern höher ist als etwa in Österreich oder Deutschland.

Nicht zuletzt zeigen Untersuchungen einer britischen Studie zur Gleichheitsforschung, dass Gesellschaften mit mehr Gleichheit bzw. mit weniger Ungleichheit sozial bedeutend besser abschneiden: sie haben bessere Schulen, mehr Sozialbeziehungen, weniger Krankenstände und sogar eine niedrigere Kriminalität. Also es gibt genügend Gründe, eine sozial fairere Verteilung des Erwirtschafteten anzustreben.

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