Ohne Fleiß kein Preis?

Antworten von Drin phil. Birgit Buchinger, Sozialwissenschafterin und Organisationsentwicklerin

Viele Frauen und Männer arbeiten buchstäblich bis zum Umfallen, haben zwei oder mehr Jobs – sind also über die Maßen fleißig. Einen angemessenen Preis bekommen sie dafür nicht. Und auf Dauer macht sie das krank. Weniger arbeiten wäre manchmal gesünder und freudvoller. Doch wie ließe sich das realisieren?

Viele behaupten, dass durch eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei gleichbleibendem Gehalt etliche Probleme gelöst wären. Wie sehen Sie das?

Ich spreche lieber von „verkürzter Vollzeitarbeit für alle“. Wir beobachten seit Jahren verschiedene Phänomene im Bereich der Erwerbsarbeit: immer mehr Menschen arbeiten bedeutend mehr als 40 Stunden; zugleich weiten sich Teilzeitbeschäftigung oder sogenannte geringfügige Beschäftigungen aus. Immer mehr Frauen, aber zunehmend auch Männer halten den psychischen Druck in der Erwerbsarbeit nicht mehr aus. Dies zeigt sich unter anderem sehr deutlich in den rasant zunehmenden Krankenständen sowie den Frühpensionierungen aufgrund psychischer Erkrankungen.

Welche Vorteile und Nachteile beinhaltet das Modell?

Eine „verkürzte Vollzeit für alle“ – etwa 30 Wochenstunden als Vollzeitarbeit – würde eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen: Frauen und Männer mit Versorgungspflichten würden dabei unterstützt, Betreuungs- und Versorgungsarbeiten partnerschaftlich zu teilen. Dies würde das Aufbrechen von traditionellen Rollenbildern am besten vorantreiben. Insgesamt würden Frauen und Männer damit ihren Zeitwohlstand verbessern. Die „verkürzte Vollzeit für alle“ ist auch eine wesentliche Vorbeugungsmaßnahme gegenüber psychischen Störungen und Erkrankungen. Außerdem hätten auch Frauen mehr Zeit, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren, etwa für politische oder kulturelle Aktivitäten. Somit würde die „verkürzte Vollzeit für alle“ eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe aller am soziokulturellen Leben in unserer Gesellschaft bilden.

Wogegen wehren sich die Gegner/innen dieses Vorschlages?

Gegner/innen argumentieren damit, dass solch eine Maßnahme nicht finanzierbar sei und den Wirtschaftsstandort Österreich gefährde. Dem ist entgegenzuhalten, dass selbst in den Krisenjahren der letzten Zeit viele Branchen und Unternehmen größere Gewinne erzielten als je zuvor, und dies überwiegend auf Kosten der Arbeitnehmer/innen.

Wie kann eine Umsetzung gelingen?

Insgesamt geht es um gesellschaftliche Umverteilung: Eine wesentliche Maßnahme sollte die höhere Besteuerung des Vermögens in Österreich sein, um den „Faktor Arbeit“ entlasten zu können. Und schließlich leisten wir uns seit einigen Jahren Milliardenzuschüsse an marode Banken; dies scheint verkraftbar zu sein, vor allem, da dafür ja ohnedies die „kleine Frau“ und der „kleine Mann“ von der Straße aufkommen, wenngleich sie selbst kaum noch mit dem eigenen Einkommen das Auslangen finden.

Auch hier ist wieder politischer Druck von der Straße gefragt. Wie hieß es so schön zu den Anfängen der autonomen Frauenbewegung in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts: „Widerstand ist machbar, Frau Nachbar!“

Ein Gedanke zu „Ohne Fleiß kein Preis?

  1. „Verkürzte Vollzeit für alle“ finde ich sehr sinnvoll und wichtig. Aus meiner Sicht muss jedoch etwas dazukommen: nämlich eine gesellschaftliche Diskussion um die Bewertung von Arbeit – und zwar von bezahlter und unbezahlter Arbeit. In Form unbezahlter Arbeit werden viele unverzichtbare Tätigkeiten erbracht (zu zwei Dritteln von Frauen), die weder gesellschaftlich ausreichend anerkannt werden, noch sich individuell, zb in adäquaten Altersversorgungen niederschlagen. Sie bedeuten aber gesamtgesellschaftliche Lebensqualität!

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