Sind wir noch zu retten?

Antworten von Drin phil. Birgit Buchinger, Sozialwissenschafterin und Organisationsentwicklerin

Was wäre wenn? Wenn alle Frauen für einen Tag die Arbeit niederlegen würden. Und zwar wirklich alle. Einfach so. Dann würde sich zeigen, dass die Arbeit von Frauen einen enormen Wert hat – der sich endlich auch in der Entlohnung widerspiegeln muss. 

Es wird immer behauptet, dass Leistung sich lohnt.
Heißt das, dass eine Friseurin weniger leistet als ein Automechaniker? Warum ist das so?

Was eine Stunde Arbeit in Euro wert ist, dafür gibt es keine objektive Grundlage. Vielmehr ist die Festlegung dieses Werts das Ergebnis von Verhandlungen zwischen den Arbeitgeber/innen und den Arbeitnehmer/innen. Dies erfolgt jedoch – aufgrund der kollektivvertraglichen Regelungen in Österreich – überwiegend nicht durch einzelne Personen, sondern durch die Sozialpartner/innen: den Gewerkschaftsbund (Vertretung der Arbeitnehmer/innen) und die Wirtschaftskammer (Vertretung der Arbeitgeber/innen).

Woran misst sich Leistung?

Traditionellerweise werden jene Arbeiten, die überwiegend von Männern verrichtet werden, höher bewertet als jene Arbeiten, die überwiegend von Frauen verrichtet werden. Dies hat mannigfaltige Ursachen. Anforderungen und Belastungen, die vor allem in den Arbeitsbereichen der Frauen (etwa Dienstleistungen) auftreten, werden nicht als Merkmale dieser Arbeit definiert. Beispiele dafür: Im Kontakt mit Kund/innen werden etwa Freundlichkeit, Höflichkeit, Kommunikationsfähigkeit vorausgesetzt, ohne dass dies bei der Festsetzung des Stundenlohns besonders bewertet wird. Dies ist im Handel, bei Geldinstituten, bei den sozialen Diensten etc. der Fall. Auch psychisch besonders herausfordernde Tätigkeiten, etwa in der Pflege kranker und alter Menschen, werden massiv unterbewertet.

Im Gegensatz zu männlichen Arbeitsbereichen, in denen schwere körperliche Tätigkeiten als Merkmale dieser Arbeiten definiert werden, sind die Tonnen, die Kassier/innen tagtäglich über das Fließband befördern, nicht als schwere körperliche Tätigkeit definiert. Auch monotone, besonders die Kleinmotorik betreffende Tätigkeiten, etwa im Bereich der Fließbandarbeit, werden kaum als Belastungen definiert. Daher werden alle diese Anforderungen bei der Entgeltfindung nicht berücksichtigt und haben keinen Einfluss auf die Bewertung dieser Arbeit und damit letztlich auf die Höhe des Stundenlohns.

Die so bezeichneten Arbeitsbewertungsverfahren wurden überwiegend von Männern entwickelt; Frauen waren und sind in diesen Verfahren kaum vertreten, wodurch auch ihre Erfahrungen bzw. Expertisen keine Berücksichtigung gefunden haben und weiterhin kaum finden. Zusätzlich zeichnen sich die traditionellen Frauen-Branchen durch einen geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad aus, was bei den Kollektivvertragsverhandlungen dazu führt, dass die Fachgewerkschaften den Arbeitgeber/innen gegenüber nicht so stark auftreten können wie etwa die „starken“ Fachgewerkschaften, die Lohnverhandlungen für die Metall- oder ElektorindustriearbeiterInnen führen.

Außerdem dominierte lange Zeit das Verständnis, dass jene Arbeiten, die überwiegend Frauen verrichten, hausarbeitsnahe Tätigkeiten sind, die Frauen quasi „naturhaft können“, was ebenfalls zu einer massiven Unterbewertung dieser Tätigkeiten beiträgt.

Sofern Ungerechtigkeit festzustellen ist:
Welche Auswege und Lösungsmöglichkeiten gibt es?

Fazit Die Unterbewertung der Arbeiten von Frauen ist ein wesentlicher Grund für die große Einkommensdifferenz zwischen Frauen und Männern und somit ein klarer Fall von Diskriminierung. Und sie ist ein wesentlicher Grund für die große Armutsgefährdung von Frauen, dies sowohl in den Zeiten, in denen Frauen erwerbstätig sind, als auch vor allem in der Pension. Die Altersarmut von Frauen ist bereits heute massiv und wird noch deutlich zunehmen, da aufgrund der sogenannten „Pensionssicherungsreform“ der schwarz-blauen Regierung Anfang dieses Jahrhunderts sukzessive alle Jahre der Erwerbstätigkeit für die Pensionsbemessung herangezogen werden, anstelle der besten 15 Jahre, die bis dahin die Grundlage für die Pensionshöhe darstellten.

Hier entgegenzuwirken ist ein Gebot der Stunde. Dazu ist die Politik ebenso gefordert wie die Sozialpartner/innen sowie die einzelnen ArbeitgeberInnen. Im Laufe der letzten Jahre wurden vielfältige Maßnahmenvorschläge entwickelt, die – sollten sie durch den politischen Gestaltungswillen endlich zur Umsetzung gelangen – dieser massiven Ungerechtigkeit in der Entlohnung von Frauen ein Ende bereiten könnten.

Diese Maßnahmen reichen von einer brancheninternen und branchenübergreifenden solidarischen Lohnpolitik, durch welche die unterbewerteten Arbeiten deutlich höher bewertet werden als bisher, über die Einführung nicht diskriminierender Arbeitsbewertungsverfahren auf betrieblicher Ebene bis hin zur Einführung eines Mindestlohns von 1.300 Euro netto.

Was kann die Politik tun? Was jeder/r Einzelne?

Um die Akteur/innen in Politik, der Sozialpartner/innenschaft und in den Betrieben zu diesem Handeln zu bewegen, ist Druck nötig: Druck der einzelnen Frauen und Männer, die sich gemeinsam gegen diese Ungerechtigkeiten einsetzen – also kollektiver politischer Druck.

Machen auch Sie Druck: mit Ihrem Kommentar in diesem Blog!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.